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Darf ich anders atmen? Warum Dein Körper der bessere Lehrer ist

Noch bevor ich gestern mit meiner Qigong-Präsenz-Sitzung begonnen hatte, sprach mich eine Teilnehmerin an und stellte eine sehr interessante Frage. Während der Einzelübungen gebe ich ja immer wieder Atemanweisungen – wann sich der Atem hebt, wann er sinkt, wann er der Bewegung folgt. Und sie sagte etwas sehr Ehrliches: Bei manchen Übungen fühle sich meine Atemempfehlung für sie nicht richtig an. Und dann die Frage: „Darf ich das auch anders machen?“

Die Frage selbst ist schon die Antwort

Meine erste Reaktion war Freude. Denn diese Frage ist eine wunderbare Brücke: Sie führt uns zum Kern des Qigong.

Im Qigong geht es nicht darum, eine Abfolge von Anweisungen korrekt abzuarbeiten. Es geht darum, eine Beziehung zum eigenen Körper aufzubauen – ihn zu fühlen, ihm zuzuhören, mit ihm in einen Dialog zu treten. Wenn Dein Körper Dir signalisiert, dass sich etwas nicht stimmig anfühlt, dann ist das kein Fehler. Es ist eine Bestätigung. Es bedeutet: Du spürst Dich. Dein Körper kommuniziert mit Dir, und Du hörst hin.

Genau dieses Zuhören ist das eigentliche Ziel. Die Übung ist nur der Weg dorthin.

Vom Widerstand in den Fluss

Es gibt einen zweiten Grund, warum ich mich über solche Fragen freue: Im Qigong wollen wir in den Fluss kommen und den Widerstand verlassen. Das ist kein poetisches Beiwerk, sondern das Herzstück der Praxis – im Taoismus kennen wir es als Wu Wei, das mühelose Handeln, das Mitgehen mit dem, was ist, statt dagegen.

Wenn Du nun einer Atemvorgabe folgst, die sich für Dich falsch anfühlt, nur weil sie von vorne kommt – was tust Du dann? Du bleibst im Widerstand. Du zwingst Deinen Atem in eine Form, gegen das, was Dein Körper Dir gerade sagt. Damit arbeitest Du genau gegen das Ziel der Übung.

Auf Dein Gefühl zu hören ist also nicht die Ausnahme von der Regel. Es ist die Regel.

Die eine Sache, auf die es ankommt

Was ich meiner Teilnehmerin gesagt habe: Wenn sich ein anderer Atemrhythmus für Dich richtiger anfühlt als der, den ich empfehle, dann atme genau so. Vertraue Deinem Körper.

Es gibt dabei nur eine einzige Sache, auf die Du achten solltest: Dein Atem sollte synchron mit der Bewegung sein und bleiben. Atem und Bewegung sind ein Paar. Ob Du beim Öffnen ein- oder ausatmest, kann sich von Mensch zu Mensch, von Tag zu Tag unterscheiden – aber der Atem und die Bewegung sollten miteinander tanzen, im selben Takt, in derselben Ruhe. Solange dieser Gleichklang da ist, machst Du es richtig.

Und genau hier liegt die eigentliche Disziplin des Qigong. Nicht in der Frage, ob Du beim Öffnen ein- oder ausatmest – sondern im ununterbrochenen Einssein von Atem und Bewegung. Das ist nicht verhandelbar. Freiheit im Atemrhythmus bedeutet also nicht Beliebigkeit. Sie bedeutet, die Strenge an die richtige Stelle zu setzen: in den Fluss, nicht in die Vorschrift.

Ist das nicht zu frei? Über Struktur und Vertrauen

Vielleicht denkst Du jetzt: Kommt es in den fernöstlichen Praktiken nicht gerade auf die präzise Form an? Ja – und das ist kein Widerspruch.

Meine Anweisungen sind besonders am Anfang wichtig. Wenn Du neu beginnst, kann Dein Körper das feine Lesen seiner Signale voraussichtlich noch gar nicht leisten – da fühlt sich „falsch“ oft nur wie „ungewohnt“ an. In dieser Phase ist die vorgegebene Form Dein Gerüst. Sie schult Dein Gespür überhaupt erst, bis Du selbst unterscheiden kannst, was Widerstand und was echte Stimmigkeit/Flow ist.

Struktur kommt also zuerst. Aber Struktur ist kein Selbstzweck. Sie ist das Gerüst, an dem Dein eigenes Empfinden wächst – bis Du es eines Tages nicht mehr brauchst.

Was Du daraus mitnehmen kannst

Meine Anweisungen im Unterricht sind ein Angebot, kein Gesetz. Sie sind ein Startpunkt, eine Orientierung. Doch mit der Zeit wird Dein Körper selbst zum feinsten Lehrer, den Du je haben wirst.

Wenn Du also das nächste Mal übst und etwas in Dir sagt „nicht so, sondern anders“ – dann höre hin. Das ist kein Ungehorsam. Das ist Qigong in seiner reinsten Form.

Dein Körper spricht und Du hörst ihm zu. Damit seid Ihr verbunden, im Zentrum von Yin und Yang.

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