„Nature is not in a hurry, yet everything…
Ausgerechnet Loslassen
Ende Juni 2026 hat mein Taichi-Lehrer aufgehört. Nach fünfzehn Jahren. Er hat es ruhig gesagt, so wie er alles ruhig gesagt hat, und ich habe genickt – wie man nickt, wenn man etwas noch nicht begriffen hat. Erst auf dem Heimweg habe ich gemerkt, dass mir etwas fehlte, für das ich keinen Namen hatte.
Es hat etwas Komisches. Fünfzehn Jahre lang übt man das Weiche, das Nachgeben, das Loslassen. Man erklärt es sogar anderen. Und dann geht der Lehrer, und man steht da wie ein Anfänger und merkt: Loslassen ist kein Griff, den man einmal lernt. Es ist eine Bewegung, die jedes Mal neu beginnt.
Ich will ihn nicht zum Weisen verklären – er hätte das gehasst. Er war ein Mann, der bei jeder Bewegung wissen wollte, wofür sie da ist. Der nicht duldete, dass eine Geste leer blieb: Hinter jedem Verlagern, jedem Drehen stand eine Anwendung, ein Detail, ein Grund. Fünfzehn Jahre lang war er derjenige, der für mich sehen konnte.
Jetzt ist da Nebel.
Ich habe ein Bild vor Augen: eine Treppe, die sich in den Wolken verliert. Oben, am Tor, steht der Lehrer – schon halb Nebel, schon abgewandt. Und man sieht dem Weg nicht mehr an, ob er hinauf- oder hinabführt, ob es ein Abschied ist oder ein Aufbruch. Vielleicht ist das keine Unschärfe des Bildes. Vielleicht ist das die Wahrheit.
Zhuangzi sagt: Die Reuse ist da, um den Fisch zu fangen. Hat man den Fisch, darf man die Reuse vergessen. Der Lehrer, so unbequem das klingt, war die Reuse. Nicht das Ziel. Er hat mir nicht den Weg gezeigt, sondern das Gehen. Und das Gehen bleibt, auch wenn der Weg im Nebel verschwindet.
Das tröstet und schmerzt zugleich. Es ist niemand mehr da, der mir sagt, wofür eine Bewegung steht. Diese Fragen muss ich jetzt selbst beantworten. Ich habe fünfzehn Jahre gebraucht, um zu verstehen, dass die wichtigste Lektion nicht in der Antwort lag, sondern darin, ohne Antwort weiterzugehen. Wu Wei heißt nicht, den Weg zu kennen. Es heißt, ihm zu vertrauen, auch wenn man den nächsten Schritt oder auch den nächsten Stein nicht sieht.
Und fast im selben Moment, in dem sich diese Tür schließt, stehe ich vor einer anderen: Soll ich meinen eigenen Unterricht öffnen, weiter, für mehr Menschen? Es fühlt sich unverschämt an, den Abschied und den Anfang nebeneinanderzustellen. Aber vielleicht ist genau das die Bewegung. Man verlässt das Kloster nicht, weil man weiß, was kommt. Man verlässt es, weil das Bleiben aufgehört hat, wahr zu sein.
Der Nebel gibt den Weg nicht frei. Er fordert heraus, dass man den Weg trotzdem geht.
Also gehe ich. Noch ein wenig wacklig. Und ohne zu wissen, ob es hinauf oder hinab geht.
Danke Jens!

